Carsten von Los Placebos im Interview
Oder: Zwei echte falsche Doktoren interviewen
Carsten von Los Placebos - Januar 2004

Dr. Oetker: Was uns als Doktoren natürlich brennend interessiert: Woher stammt der Name 'Los Placebos'?


Carsten - Los Placebos
: Um Himmels Willen. Da sitze ich nun virtuell zwei echten Doktoren gegenüber. Guten Abend allerseits. Habe lange überlegt, ob ich mir nicht lieber für höchstwissenschaftliche Fragen unseren Quoten-Doktor, den Gitarren-Beagle, hinzuhole, um mich hierbei zu unterstützen. Leider hat der aber heute Abend keine Zeit, weil er fleißig der Doktorei frönt. Ihr kennt das sicherlich...

Von links nach rechts:
Dr. Maluma, Carsten -
Los Placebos, Dr. Oetker
Alle Fotos auf dieser Seite: Urs - ska-pics
Also, wie es einst 1994 zum Namen kam??? Lass’ mich mal in meinen Erinnerungen kramen. Ist ja schon ne ganze Weile her. Damals kam vor unserem ersten Gig jemand auf uns zu, der die Plakate drucken wollte und sich deshalb logischerweise nach unserem Namen erkundigte. Tja, über solche Banalitäten hatten wir vor lauter Musik gar nicht nachgedacht und rätselten deshalb den ganzen Abend über. Heraus kam der wahnwitzige Vorschlag uns THE PLACEBOS zu nennen.
Leider hat in den folgenden Wochen so ziemlich niemand den Namen, den wir uns so toll ausgedacht hatten, so ausgesprochen, wie wir uns das vorgestellt hatten. Von ziemlich englischer Aussprache PLACE-BOSS bis hin zum absolut nicht zu akzeptierenden PLAYBOYS war alles dabei. Am Abend des ersten Gig kam uns dann der Zufall zu Hilfe. Zwischen zwei unserer fünf Songs (plus eine Wiederholung als Zugabe... lach) riefen einige Leute LOS PLACEBOS.

Frag’ mich bitte nicht warum, ich habe keine Ahnung. Auf jeden Fall merkten wir, dass das die Lösung war. Mit dem spanischen Artikel war es nun klar, wie der Rest auszusprechen ist. Seitdem gibt es auch keine Probleme mehr. Leider kann ich Euch keine atemberaubendere Geschichte erzählen, z.B. über frustrierte Ruhrgebietstypen, die sich als feurige Spanier ausgeben, um besser bei den Frauen anzukommen – Ruhrgebiets-Placebos ohne spanischen Wirkstoffe. Sorry, aber es war eben so simpel. Wir sind einfach ´nem Ruf aus dem Publikum gefolgt....

Dr. Oetker: Habt ihr musikalisch gesehen Vorbilder, an denen ihr euch orientiert?

Carsten - Los Placebos
: Sicherlich haben wir alle musikalische Vorbilder. Aber an denen orientieren? Ne, eigentlich nicht. Wäre auch recht kompliziert, wenn sich 11 Leute steif an Ihren verschiedenen Vorbildern orientieren. Was käme da dann für ein irrer Brei heraus. Naja, vielleicht gar nicht schlecht. Sollte man mal ausprobieren... grins.

Wir haben uns nur stets zum Ziel gesetzt unsere Musik offen für viele Einflüsse zu halten. Jeder soll die Möglichkeit haben sich und seine Ideen mit einzubringen. Schaut mal, die ganzen Leute aus der Band haben ja zum Teil recht unterschiedliche musikalische Vorleben und Vorlieben vor den LOS PLACEBOS gehabt. Da sind die unterschiedlichsten Sachen dabei. Ob Reggae, Psychobilly, Punk, Pop, Jazz oder durchaus auch ein wenig Schlager. Jeder bringt halt seine Vorstellungen und Ideen sowie seine Erfahrungen mit ein, um den SKA zu machen, den LOS PLACEBOS halt spielen.

Ohne Frage aber gibt es Bands (jetzt mal auf den SKA beschränkt), die wir alle echt schätzen. Konsens sind dabei natürlich die jamaikanischen Klassiker, angeführt natürlich von den grandiosen SKATALITES, über unsere Helden der Two-Tone-Zeit, bis hin zu Sachen der letzten 10-15 Jahre, wie etwa MR. REVIEW, DR.RING-DING, SCOFFLOWS, HOTKNIVES, HEPCAT....
Dr. Maluma: Tja, wie seid ihr eigentlich zur Ska-Musik gekommen?

Carsten - Los Placebos
: Das ist natürlich auch recht unterschiedlich. Ich kann jetzt erstmal mal von mir sprechen, der als junger rollerfahrender Spund, mit ´nem Biertuch und vielen Run-Patches auf der Kutte von älteren Leuten seine ersten SKA-Tapes zugesteckt bekam. Das war so um 1989-1990. Das erste Tape war noch umsonst. Es waren glaube ich die BUSTERS. Man kennt das mit den Drogen und den Dealern. Für die nächsten Tapes (Two-Tone und 60ts-Kultska) musste ich dann schon derbe Geld auf den Tisch legen... Seitdem bin ich nicht mehr von dieser Teufelsdroge SKA weggekommen. Habe aber auch erst Jahre später erfahren, dass ich für die neuen Platten nicht immer erst nach Holland fahren muss, um anschliessend an der Grenze zu schwitzen. Das Zeug war ja auch schon damals gottlob legal hier in Deutschland.
Andere von uns sind auf ähnlichen Wegen zum alten Vatter Ska gekommen. Angefixt wurden viele in der damaligen Rollerszene. Marko (Posaune) etwa zur gleichen Zeit, Uli (Posaune) und Rolfi (Percussions) sogar ne ganze Weile vorher.

Dr. Maluma: Die Mitglieder eurer Band leben quer über das ganze Ruhrgebiet verstreut. Einfache Frage: wie habt ihr zueinander gefunden?

Carsten - Los Placebos
: Wir waren halt alle jung und brauchten Geld und wollten natürlich bei den nettesten Frauen besser ankommen. Irgendwann war dann zwangsläufig die Idee geboren selbst ´ne Band zu gründen... Ob nun Geld, Frauen und Ruhm der wirkliche Antrieb war, weiß ich gar nicht mehr so genau – klingt aber gut! SKA musste es natürlich sein.

Man kannte sich natürlich von Konzerten und so, weil die lokale Szene (Dinslaken / Duisburg) damals ja doch recht überschaubar war. Erst war es ’ne fixe Idee, aber mit der Zeit schmiedeten wir allabendlich immer genauere Pläne. Das war zu diesem Zeitpunkt natürlich noch keine komplette Band. Aber jeder kannte halt noch irgendwen, der an der Idee und am SKA gefallen gefunden hat und dann ging es irgendwann Anfang 1994 los. Der legendäre ULCUS (Kultkneipe in Dinslaken – R.I.P) war der Geburtsort...

Im Laufe der Zeit lernte man dann immer wieder neue Leute kennen, die hinzukamen. Bezeichnend ist hier die alte Freundschaft zu FLAT FRED & THE BRAINS aus Recklinghausen. Die waren damals schon einige Jahre dabei und wir feierten gemeinsam echt coole Abende mit geilen Gigs und wurden damals echt gute Freunde. FLAT FRED gibt es heute leider nicht mehr, aber inzwischen sind vier Leute bei uns an Bord, die damals auch schon für die Recklinghauser auf Torejagd gingen. Andere kamen anschliessend aus dem direkten Umfeld unserer musikalischen Heimat Oberhausen-Schmachtendorf oder waren halt wieder gute Bekannte von irgendwem. Der Ruhrpott ist eben doch irgendwie ein Dorf und jeder kennt jeden.

Zukünftige Bandmitglieder werden wir, der heutigen Zeit entsprechend, selbstver-ständlich nur noch aus grossen SKA-Castingshows rekrutieren...
Dr. Maluma: Aha, so ist das also! – Aber, ihr seid 10 Leute, da gibt es doch bestimmt auch öfters mal Meinungsverschiedenheiten, oder?

Carsten - Los Placebos
: Na klar gibt’s die. Wenn ich Dir/Euch irgendwas anderes erzählen würde, wäre das Quatsch. Aber wir sind Gott sei dank immer noch in der Lage über alles zu sprechen und auch mal ausführlich zu diskutierten. Wir kochen uns dann ´nen grünen Tee und setzen uns barfuss auf den Teppich und singen fröhliche Lieder...
Nein, 11 Meinungen unter einen Hut zu bringen, ist manchmal natürlich nicht so einfach, klappt aber am Ende in der Regel doch immer. Wir sind gottlob keine Leute, die nur miteinander Musik machen, um daraus den möglichst viel Profit zu schlagen. Wir sind immer noch, nenn’ es Kumpel oder Freunde und wollen vor allem eine gute Zeit miteinander haben. In so einer grossen Band lernt man aber auch mit der Zeit, dass Kompromisse manchmal nötig sind, damit es ordentlich weitergeht.

Dr. Oetker: Gibt es in eurem Leben auch Musik ohne Offbeats?

Carsten - Los Placebos
: Nein, natürlich hören wir nur Offbeatmusik!!!
Wie, das glaubt Ihr nicht? Okay, dann plaudere ich jetzt mal ein wenig aus dem Nähkästchen: SKA ist unser gemeinsames Ding, aber rund um die von uns allen verehrte Musik gibt natürlich noch andere, geile Musik. Ich sprach gerade schon mal über die verschiedenen musikalischen Lebensläufe der Bandmitglieder. Alle deine musikalischen Vorlieben wirfst Du ja nicht automatisch über Bord, nur weil Du SKA machst. Wir haben alle keine Scheuklappen und einmal pro Tag ist es jedem von uns vertraglich gestattet auch Musik zu hören, die nicht im Offbeat erklingt. Einmal pro Jahr darf es dann sogar ein Konzert ohne Offbeat sein. Man munkelt bei uns hinter vorgehaltener Hand, dass ein Beteiligter dieses Interviews sogar mal ein Konzert von KYLIE MINOGUE besucht haben soll. Gerüchte... Szenerelevante Musikstile sind natürlich eine Ausnahme. Die dürfen selbstverständlich auch ohne vorherige Erlaubnis der Band gehört werden.
Dr. Maluma & Dr. Oetker: Wie entsteht bei euch, oder wie 'macht' ihr einen neuen Song?

Carsten - Los Placebos
: Das ist soooo unterschiedlich und echt schwer zu beantworten. Was LOS PLACEBOS noch nie hatten und auch nicht haben ist der klassische Songwriter, der den anderen dann die fertigen Songs präsentiert. Das ist auch ganz gut so, weil bei uns jeder die Möglichkeit hat seine Ideen mit einzubringen. In der Regel kommt Person X mit einer ersten Idee zur Probe. Das kann entweder ein kleines Fragment oder durchaus schon fast ein fertiger Song sein. Wir hören uns das an und beginnen ein wenig zu »jammen«. Oft setzen sich dann die Leute vom Rhythmus zusammen, um voranzukommen und die »Horns« machen das genauso. Das greift im Idealfall dann Hand in Hand ineinander und das sind in der Regel auch die besten Songs. Sachen, die rund sind und aus einem Guss entstehen. Vom Text her gibt’s auch keine Standards. Mal ist erst die Idee und der Text da und erst dann entsteht der Song, dann beim nächsten Song ist es schon wieder umgekehrt. Vielleicht sollten wir mal so eine Agentur beauftragen, die Arbeitsabläufe optimiert. Dann dauert es bis zum nächsten Album auch nicht wieder 5 Jahre. Aber wahrscheinlich gehen bei uns dann Arbeitsplätze drauf, und wir müssen stempeln gehen. Ne, das lassen wir also alles beim Alten.
Dr. Oetker: Die Skagga-Version auf eurem neuen Album 'Respect Is Due' ist ja eindeutig dancehall-lastiger als die frühere Version. Habt ihr vor, mehr in diese Richtung zu gehen?

Carsten - Los Placebos
: Das ist keine bewusste Entscheidung, so auf die Art: „Hey Dancehall ist gerade schwer angesagt, komm wir versuchen mehr Dancehall zu machen. *grins* Ist halt so, dass ein großer Teil der Leute aus der Band neben SKA und altem Reggae auch ziemlich auf die neueren Sachen aus Jamaica und so abfährt.
Wir haben in den ganzen Jahren schon immer unsere jeweiligen Interessen mit reingebracht, ob das eher punkige, jazzige oder was-weiss-ich-ige Sachen waren. Erlaubt war, was uns gefiel und den Sound von LOS PLACEBOS bereichert hat. Genauso ist das eben mit dem Dancehall-Ding. Als wir beschlossen haben nach all den Jahren SKAGGA noch mal aufzunehmen, war es einfach konsequent da ein bisschen neuere Einflüsse und Elemente mit reinzubringen. Das sollte auch schon damals dancehalliger klingen, war aber einfach technisch von uns noch nicht machbar.

Zurück zur Frage: Wir werden auch weiterhin immer das machen, worauf wir gerade Lust haben. Das ist zuallererst immer SKA. Der darf aber bei Lust und Laune auch durchaus gerne mal modern klingen oder aber punkrockig oder eben jazzig oder poppig. Wir hoffen, dass den Leuten unser Mix auch weiterhin gefällt, uns tut er’s auf jeden Fall immer noch. *Grins* So lasset uns die ganzen musikalischen Schubladen schliessen...

Dr. Maluma: Einer eurer Songs, der 'Jeden Tag ein bisschen Ska', hat eine komplett deutschen Text und von 'Lambretta Ska' gibt es auch eine deutsche Version. Kann man demnächst erwarten, mehr Stücke in deutscher Mundart von euch zu hören bekommen?

Carsten - Los Placebos
: Ganz bestimmt. Wir haben im Laufe der Zeit echt die Vorzüge der Muttersprache entdeckt. Du hast (ich auf jeden Fall!) einfach die Möglichkeit in Deiner eigenen Sprache viel feinsinniger und intensiver das auszudrücken, was du sagen möchtest. Der Text von »Jeden Tag Ein Bisschen SKA« stammt beispielsweise von unserem ehemaligen Keyboarder Matthes, der superwitzige deutsche Texte schreibt. Es wäre wirklich sträflich gewesen auf so einen Text zu verzichten. Wenn wir in Zukunft halt mal wieder Lust auf ´nen deutschen Text haben, dann darf das gerne so sein (da ist sogar schon was in Vorbereitung!!!). Die Angst vor Banalitäten die jeder sofort versteht, die ist dahin. Wir sind alt und schämen uns für nichts mehr. *Lach*
Dr. Maluma: Das kenn’ ich *harhar* Auf euren Konzerten seid ihr immer verdammt gut drauf und sprüht nur so vor guter Laune. Esst ihr vorher Kartoffelsalat, oder was für Drogen nehmt ihr?

Carsten - Los Placebos
: Wieso sind wir gut drauf? Wirken wir so??? Das soll nicht so sein. Wir möchten eigentlich immer wie all die typischen BLUMFELDs oder PLACEBOs dieser Welt wirken. Traurig und melancholisch!!!

Scheisse, da läuft wohl was ganz gewaltig falsch. Ich hoffe nicht, dass das daran liegt, dass unser Proberaum seit Jahren im Keller von ’nem AKW ist. Der ist super billig und leuchtet immer so schön grün...
Dr. Maluma: Und was macht ihr mit den vielen Stofftieren und BHs, die ihr auf die Bühne geschmissen bekommt?

Carsten - Los Placebos
: Ich weiss nicht, ob ich das verraten soll... Wir losen immer aus, wer die BHs einen Tag und eine Nacht tragen muss. Anschliessend verschweissen wir sie in Folie und verkaufen die für teuer Geld bei EBAY... Stofftiere habe ich noch keine bekommen. Ich glaube aber auch, dass es dafür bei EBAY auch nicht soviel Geld gibt... Also Mädels, bleibt bei den BHs. *grins*

Dr. Oetker: Ist eine Tour geplant, die auch mal die Leute außerhalb des Ruhrpotts in Tanzlaune bringt?

Carsten - Los Placebos
: Ne zusammenhängende Tour ist bei uns 11 alten Säcken, die ja alle die verschiedensten Jobs haben, um ihr bescheidenes Leben zu finanzieren, recht schwer realisierbar. Aber wir arbeiten daran, versprochen!!!

Unabhängig davon soll es 2004 mit dem neuen Album RESPECT IS DUE im Rücken natürlich ganz oft die Bühnen gehen. Wir hoffen, dass wir wieder viel, viel Zeit im Bus verbringen und Tausende Kilometer auf den Autobahnen abreissen können, um Abends dann feine Gigs spielen zu dürfen.
Waren in den ganzen Jahren grösstenteils ja nur ausserhalb von NRW unterwegs. 2003 war das dann aber ausnahmsweise mal anders, und wir haben auch endlich mal viele geile Gigs direkt vor der Haustüre spielen können. Wenn es nach uns geht, dann soll das in diesem Jahr ´ne ganz gesunde Mischung werden. Wir wollen überall hin und haben mächtig Lust zu spielen. Ob im Ruhrpott, NRW oder auf Trinidad, wer Bock auf LOS PLACEBOS hat, soll rufen. Wir kommen gerne! Man sieht sich dann hoffentlich!!!

Dr. Maluma & Dr. Oetker: Danke für die Zeit, die Du uns gewidmet hast. Ich hoffe, dass wir euch bald mal wieder live sehen können (o;=

Carsten - Los Placebos
: Na, das hoffen wir doch auch!!!
BIG UP AND NUFF RESPECT ALLSKA.DE!!!