Richie, a.k.a. Dr. Ring-Ding im Interview
mit Perry Slalom - August 2001

Oder: Warum man einen Menschen nie nach dem Bild
auf der CD-Hülle beurteilen sollte...


So klingt es ja eigentlich nur im Märchen...
Man stelle sich mal vor: da habe ich persönlich nie so eine besonders hohe Meinung von einem Künstler gehabt, was seine menschliche Ausstrahlung betrifft, aber auch ein bestimmter Teil seiner Musik konnte mich nie begeistern. Da ich mit dieser Meinung nicht hinterm Berg gehalten habe, war ich um so erstaunter, dass mir eines Tages von seinem Label angeboten wurde, mit diesem Menschen ein Interview zu führen.

»Reinhild«, sagte ich am Telefon zu der Kollegin, die mir das Angebot unterbreitet hatte, »hältst du das für eine gute Idee?« Hielt sie. »Ich gehe fest davon aus, dass du ihn danach mit anderen Augen sehen und sehr mögen wirst.« Natürlich hatte sie Recht. Mit seiner entspannten und offenen Art, mit einer herzlichen und engagierten Ehrlichkeit, und damit, dass er mich an meinen alten Freund Jo erinnerte, hatte Richie mich vollkommen verzaubert, und ich mochte ihn von der ersten Sekunde an.

Im Anschluss an unser Gespräch gab er ein Konzert im Wuppertaler U-Club. Die von allen meinen Bekannten unisono vorgetragene Meinung zu diesem Konzert lautete: »Was haste denn mit dem gemacht? Der ist ja so nett, und das Konzert war sein bestes, das ich jemals gesehen habe.« Nein, ich hab gar nichts gemacht, sondern er. Er hat euch genauso verzaubert.

  
Perry Slalom: Hallo Richie, stell dich doch mal vor.

Richie: Hallo ich bin Dr. Ring-Ding und bin grade mit meiner Band, den Senior AllStars, auf Tour in Europa, um unser Album »Big Up« vorzustellen.

Perry Slalom: Wo wart ihr schon auf dieser Tour, und was steht als nächstes an?

Richie: Wir waren gerade in der Schweiz und in Österreich, nach Deutschland folgen dann Spanien und Frankreich. Wo wir im einzelnen immer genau sind, kann ich gar nicht sagen, dafür muss ich immer selber auf unserer Homepage (ringding.de) nachschauen.

Perry Slalom: Apropos ringding.de. hast du schon mal auf ringminusding.de nachgeschaut?

Richie: Ja, finde ich auch recht witzig. Bei meinen Namensvettern kann man Handies erwerben, neulich bekam man sogar ein Badetuch dazu geschenkt.

Perry Slalom: Ist das nicht schon ein bisschen ungewöhnlich, das neue Album auf einer Tour vorzustellen, bevor es tatsächlich veröffentlicht wird?

Richie: Gar nicht. Wenn man die Plakate zur Tour sieht, wird deutlich, dass die eigentliche Promotion auf unsere Single bezogen ist, insofern habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht. Dazu kommt, dass es mit dem Album auch relativ lange gedauert hat, bis es nun endlich aus den Socken gekommen ist.

Perry Slalom: Wie lange habt ihr daran gearbeitet?

Richie: Wir hatten einige Aufnahmen schon im letzten Sommer abgeschlossen, waren aber mit einigen Stücken nicht hundertprozentig zufrieden. Darum haben wir dann ein paar neue Stücke eingespielt, sodass wir insgesamt weit über 20 Stücke fertig und aufgenommen hatten. Daraus haben wir dann 13 Stücke ausgewählt. Die besten, wie wir meinen.

Perry Slalom: Was passiert bei so einer Arbeit dann mit den restlichen Stücken?

Richie: Auf der Single sind drei Stücke drauf, die wir nicht auf das Album genommen haben, die uns aber trotzdem gefielen. Das ist dann quasi wie eine Art Bonus-Track, nur halt auf der Single. Andere Sachen werden wir sicherlich auch mal für Sampler oder so verwenden. Ein Stück ist ja auch auf dem Grover-Jubiläums-Sampler vorab veröffentlicht worden.

Perry Slalom: Und zwischen den einzelnen Aufnahmen habt ihr an dem Album mit Lord Tanamo gearbeitet?

Richie: Nee, das war einiges früher. »Best Place In The World«, auf dem wir Lord Tanamo begleiten, kam auch relativ spät heraus. Die Arbeit hat eher noch unser vorheriges Album beeinflusst, indem wir auf "Diggin' Up Dirt" mit Basic-Tracks der Tanamo-Songs experimentiert haben.

Perry Slalom: Ist "Big Up" wieder ein typisches Album für euch? Findet man also wieder die bewährte Mischung aus Ska und Reggae?

Richie: Gar nicht mal. Das Album ist lange nicht so Ska-lastig wie z.B. das erste Album. Dafür haben wir mehr mit Toasting gearbeitet, und da auch verstärkt auf eine bunte Mischung dieser Toasting-Stile geachtet. Wir haben die ganze Palette der verschiedenen Stile, von modernen, wie sie im Moment auch in den Charts zu finden sind, bis zum Originator-Style der frühen Siebziger Jahre und alles, was so dazwischen liegt.

Perry Slalom: Mit Ska-Klassikern wie "Rukumbine" habt ihr ja auch ein bisschen 'rumexperimentiert.

Richie: Ja, ich fand es sehr interessant, mit diesem alten jamaikanischen Volkslied aus dem Mentho etwas Neues zu machen, und so haben wir dann halt eine Dancehall-Version eingespielt, bei der vom Original eigentlich nur noch Teile des Refrains übrig geblieben sind. Auch einen alten Soul-Klassiker, "Move On Up" von Curtis Mayfield haben wir auf unsere Art mit einer Mischung aus Soul und Reggae gecovert (lacht). Das heißt aber nicht, dass wir jetzt souliger werden wollen oder sind, wie es teilweise vom Label aus behauptet wird.

Perry Slalom: Wie sieht dabei die Arbeit an so einer Coverversion aus einer ganz anderen Musikrichtung aus?

Richie: Wir haben natürlich sehr viel verändert. Musikalisch gesehen, haben wir eigentlich nur den Bläsersatz und den Refrain behalten. Die Strophen mussten halt Toasting und DJ-Style weichen, und der Text ist natürlich vollkommen neu. Wichtig war, dass wir dabei die Original-Message des Songs beibehalten, auch wenn der Text neu ist.

Perry Slalom: Würdest du das als Fortschritt bezeichnen, wie ihr eure Musik mittlerweile präsentiert?

Richie: Diese Frage stelle ich mir so nicht. Es ist halt eine Entwicklung in eine bestimmte Richtung. Fortschritt ist es insoweit, dass die Sachen besser werden. Würde ich mal sagen (lachend). Ich würde uns nicht als »fortschrittlich« bezeichnen. Es ist einfach so, dass wir uns gerne aus dem großen Pool bedienen, den die jamaikanische Musik an schönen Rhythmen und Melodien bereithält und einfach die Sachen daraus verbinden, die uns Spaß machen. Wir wollen vor allem nicht mehr so puristisch sein.

Perry Slalom: Was meinst du damit?

Richie: Es ist doch so: wenn man an Ska und Reggae puristisch angeht, wie so viele es tun, dann hat eine 60s-Ska-Nummer auf eine bestimmte Art zu klingen und muss auf eine bestimmte Art gespielt werden, wie z.B. der Gitarrenschlag, der sich bestimmt anhören muss. Das gleiche gilt für rootsigen Reggae im Stile der frühen Seventies. Dabei ist doch gerade das eine Musik, die ihre Qualität und ihre Impulse zur damaligen Zeit aus der Experimentierfreudigkeit gezogen hat - dann kann doch eine rootsige Seventies Nummer nicht in ein bestimmtes Korsett gezwängt werden.

Perry Slalom: Wie weit würdet ihr dabei diesen Original-Stilen untreu werden?

Richie: Also, wir würden nicht unbedingt ein verzerrtes AC/DC-Gitarrenriff in ein Stück einbauen, wir bleiben schon bei den jamaikanischen Stilen. Aber wie gesagt, es war und ist auch in Jamaika nicht unüblich, über ein Originalstück der 60er DJ-Styles zu legen. Und das machen wir dann auch. Wir greifen halt nur auf Elemente zurück, die es auch tatsächlich so gegeben hat. Das ist dann auch eine eigene Art von Tradition, sodass man uns bei Stücken, die man das erste mal hört, trotzdem erkennt: »Aha, das müsste diese Band sein«. Es kommt uns dabei aber nicht darauf an, Schemata zu zersprengen, es geht in erster Linie darum, Sachen zu machen, mit denen man zufrieden ist, und an denen man Spaß empfindet, sie zu spielen. Wir wollen halt jetzt keine Kritiker gegen den Strich bürsten, und schon gar nicht unsere Fans vor den Kopf stoßen. Und wenn man so eine Musik länger macht, so wie wir, dann probiert man halt was Neues, bevor es vielleicht langweilig werden könnte.

Perry Slalom: Daher kommt dann auch so eine Arbeit mit anderen Musikern, wie z.B. den H-Blockx zustande?

Richie: Das war für mich eher mal das Nutzen einer Möglichkeit, auch mal im Rock-Bereich zu arbeiten. Ich möchte gerne die Möglichkeit haben, auch mal Rock-Sachen machen zu können, und das ging dann halt mit den H-Blockx auf eine Art und Weise, die stark in diesem Bereich verwurzelt ist. Aber gerade bei einer Sache, die dann so erfolgreich ist, kommen dann schnell die Vorwürfe, dass man es genau wegen des kommerziellen Erfolges oder für das Geld gemacht habe. Dabei ist es halt so, dass wir Musiker sind, die sich schon seit über zehn Jahren kennen. Der Gitarrist der H-Blockx war z.B. der feste Mischer meiner ersten Band, El Bosso und die PingPongs. Dabei ist es ja genau anders herum: Ich kenn nicht so viele Bands, die mal versucht haben, handfeste Rockmusik mit jamaikanischem DJ-Style zu verbinden bei der Coverversion eines alten Country- und Westernstückes. Find ich schon lustig, und deswegen habe ich da auch mitgemacht.

Perry Slalom: War auch bestimmt klasse, dich mal im Radio zu hören? Die AllStars sind ja in der Skaszene sehr bekannt, aber halt nicht auf WDR2 oder bei Viva...

Richie: Ich habe mir irgendwann mal ausgesucht, Musiker zu sein, dass das mein Leben sein soll. Und da ist es doch schön, wenn man mal erfolgreich damit ist. Natürlich ist es auch geil, wenn du den Fernseher anmachst, und da laufen dann ein paar leicht bekleidete Damen herum, und mittendrin ein dicker Mann im Silberanzug. Das ist doch toll. Genauso schön, stelle ich es mir z.B. für einen Architekten vor, wenn der einen Auftrag kriegt, und zum Schluss dann auch das Haus da sieht.

Perry Slalom: Da gibt's bestimmt auch eine Menge Kritik.

Richie: Klar, es gibt da immer mal Fans, für die du wichtig bist, weil du als Teil einer Underground-Musik auch etwas wichtiges darstellst und die du mit 'ner kommerziell erfolgreichen Sache auf einer Ebene enttäuschst. Aber es gibt auch absurde Kritik, etwa, das sei ein »Verrat an der Sache«, oder ich hätte mich den H-Blockx für Geld an den Hals geschmissen, und das kann ich nun mal gar nicht nachvollziehen. Zumal ich an der Sache wirklich nicht reich geworden bin. Zu sagen: »Madonna ist auf Platz 3 in den Charts und Millionärin, und Dr. Ring-Ding auf Platz 13 verdient bestimmt wenigstens ein zehntel von ihr«, ist leider eine Rechnung, die überhaupt nicht aufgeht.

Perry Slalom: Hast du dadurch, dass du viel mit Dancehall arbeitest und mit den H-Blockx gespielt hast, irgendwie an Szene-Anbindung verloren?

Richie: Eigentlich gibt es eher die Leute, die sich freuen, dass durch solche Aktionen die Szene ein bisschen publik gemacht wird, und somit für die globale Musik-Bewegung Ska und Reggae ein bisschen Boden gewonnen wird in der Aufmerksamkeit anderer Leute und der Medien.

Perry Slalom: Birgt das also für dich positive Effekte für den Ska?

Richie: Also, vielleicht liest ja jemand den Namen »H-Blockx in Zusammenarbeit mit Dr. Ring-Ding« und interessiert sich dafür, was ich sonst noch so mache, und stößt dadurch auf das, was 1960 auf Jamaika passiert ist. Und wenn dadurch neue Leute zu dieser Musik finden, ist das doch 'ne schöne Angelegenheit.
Aber leider gibt es ja auch unter den Ska-Fans solche, die wollen dass Ska eine Musik für wenige Leute bleibt. Was eine sehr un-jamaikanische Sache ist, weil mit Reggae-Musik die gute Botschaft in die ganze Welt getragen werden soll.
Ich kenn das ja selbe!: Ich hatte früher sehr viel Spaß an 60s-Soul, und ann kam der Film »The Commitments« raus und plötzlich kannte jeder Sachen wie »Knock On Wood«, und daurch habe ich selber ein bisschen die Lust daran verloren. Aber, wenn einer halt nur originalen Trad-Ska mag und Dancehall halt nicht, und der deswegen unsere neue Platte Scheiße findet, dann darf der das ruhig, und dann kann ich den auch verstehen. Man darf meine Musik auch Scheiße finden. Mich soll ja auch keiner zwingen, 'was zu essen, das ich nicht mag.

Perry Slalom: Du bist ja durch deine Projekte in Berührung mit verschiedenen Szenen. Siehst du da Gemeinsamkeiten?

Richie: Ja. Früher war es eher so, dass viele verschiedenen Szenen eher in sich geschlossen waren, und man teilweise eher misstrauisch gegenüber den anderen war. Und mittlerweile mekre ich schon, dass da die grenzen aufweichen, und die Szenen einander immer mehr berühren und auch mal übergreifend gearbeitet wird. Man ist nicht mehr so hundertprozentig auf das eigene Ding eingeschworen. Das ist für mich die größte Gemeinsamkeit. In anderen Ländern ist es ja schon immer so: In Frankreich oder Spanien geht man auf ein beliebiges Konzert, weil da 'ne Band spielt und da bestimmt gute Stimmung ist, egal, ob man nun Rockabilly hört, Punk, Chansons oder was auch immer. Man geht da trotzdem hin. Und ob das Konzert gut war, entscheidet sich darüber, ob man da Spaß gehabt hat.

Perry Slalom: Anderes Thema: Wenn ich so die Entwicklung deines Stiles anschaue, dann fällt mir auf, dass dein Toasting heutzutage viel natürlicher und entspannter klingt, als bei deinen ersten getoasteten Stücken.

Richie: Das ist, glaube ich, eine natürliche Entwicklung. Es ist nicht so, dass ich daran gezielt gearbeitet habe, oder Sachen gezielt verbessern wollte, sondern ich mach' es halt oft, und mit der vielen Übung die daraus resultiert, und mit Sachen, die du mal ausprobierst, wächst du halt in dieser Hinsicht. Wie gesagt, probiere ich viel aus. Und wenn du halt »Fever« hörst, bei dem ich eher im Stile der frühen 80er, also Musikern wie Charlie Chaplin oder Yellowman toaste, oder wie U-Roy, oder halt mal aktuellere Sachen ausprobiere, dann beeinflusst sich das gegenseitig und wirkt sich auf meine ganze Musik aus. Das ist halt wie bei einem Maler, der nach zwanzig jahren Berufserfahrung ganz anders an die Sache 'rangeht, als zu Beginn seines Burufslebens, und der einfach vieles an seiner Arbeit verinnerlicht hat. Genau so habe auch ich einfach einiges an Erfahrung gewonnen, und vieles kommt dann halt automatisch. Wenn du sagst, ich klänge mittlerweile besser und entspannter, ist das doch nett, dann danke ich dir dafür.

Perry Slalom: Ja und ich danke dir für dieses Gespräch, und wünsche dir viel Spaß und Erfolg weiterhin auf der Bühne